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Stefan Christen in der Ausgabe 22/2015 des Magazins kulturtipp (CH) über This Place Belongs To The Birds:

Ein Album wie von der Sonne gewärmt: Der Schweizer Gitarrist und Songwriter Hank Shizzoe besingt Vögel und die Sehnsucht.
Was für eine gewaltige Parade von gefiederten Freunden, die Hank Shizzoe im Titelsong des neuen Albums auffahren lässt! Alpensegler, Sperber, Möwen, Sperlinge, Albatrosse werden genannt, dazu kommen Bussarde, Falken, Spechte, Regenpfeifer, Eisvögel, Adler, Nachtschwalben, Zilpzalpe und Kiebitze.
Hat sich Shizzoe, den das Magazin «Rolling Stone» einst als besten nicht-amerikanischen Roots-Rock-Songwriter und Gitarrenstilisten adelte, neuerdings der Vogelkunde verschrieben? Jedenfalls weiss er den Albumtitel «This Place Belongs To The Birds» mit ornithologischen Fakten zu untermauern: «Auf der Erde leben über 10 000 verschiedene Vogelspezies, und man schätzt, dass 200 bis 400 Milliarden Vögel die Erde bevölkern. Sie können singen, sie haben Rhythmus, fast alle haben sehr viel Stil.»
Hank Shizzoe (49), mit bürgerlichem Namen Thomas Erb, stammt aus dem Zürcher Oberland, heute lebt er in Bern. Seine Leidenschaft für US-amerikanische Musik erwachte früh. Von den zwei Seelen, die seither in seiner Brust wohnen, zeugt augenzwinkernd sein Künstlername. Der Blues vom Mississippi, der unergründliche Folk eines Bob Dylan, der fadengerade Heartland-Rock eines Tom Petty oder der lakonische Laid-Back-Stil eines J.J. Cale: Auf diesem Terrain bewegt sich Shizzoe seit gut 20 Jahren, stilsicher, weit gereist, teils solo, häufig mit Band.
Seine nunmehr 14 Alben hat er vorwiegend selber produziert. Nur bei «Songsmith» von 2014 stand Stephan Eicher an den Reglern, in dessen Tourneeband Hank Shizzoe seit 2011 spielt. Das Album «Songsmith» war geprägt von raffinierten Arrangements, von atmosphärischen Sounds, von Eichers spezifischem «Esprit». Das neue Album, das Hank Shizzoe fast im Alleingang eingespielt hat, nimmt diesen Spirit mit – und klingt doch anders: folkig, akustisch, durchsichtig, eher leise, wie von der Sonne gewärmt.
Dieser Vergleich ist wörtlich zu verstehen: Die stählerne Resonatorgitarre der Marke National Triolian, die auf vielen Songs zu vernehmen ist, klingt laut Shizzoe besser, wenn man sie vor dem Spielen an der Sonne vorwärmt. Überhaupt ist das Album ein Fest der Saiteninstrumente: Federleicht gespielte Akustikgitarren verweben sich mit dem majestätischen Sound von Slidegitarren, da und dort klimpern eine Ukulele, eine Bouzouki oder ein Banjo. Auch Shizzoes eher farbloser Bariton gewinnt in diesem luftigen Umfeld an Konturen: Eine Prise Elvis-Presley-Echo auf der Stimme, und schon vernimmt man den Ruf des Blaukehlchens, das im Titelsong als «Blue Throat» verewigt ist.
«Die Songs hängen zusammen», sagt Hank Shizzoe. «Es geht darin um Nähe und Distanz, um Daheim und Fernweh, um Verlangen und die Sehnsucht nach Einfachheit.» Damit kann die Sehnsucht nach dem Flachland gemeint sein, nach der Reise ins Ungewisse, nach dem entspannten Altherrendasein – oder auch nach dem gewissen Etwas, das irgendwo weit oben oder ganz tief drinnen zu schweben scheint wie in «Don’t Know What It Is». Dieses Lied dürfte vielen bekannt sein: Shizzoe hat Stephan Eichers «Weiss nid was es isch» auf Englisch adaptiert.

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